25. Februar 2021

«Bei der Digitalisierung der Schweizer Versicherungsbranche besteht Nachholbedarf»

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Insurance // Yves Krismer, Betriebsleiter Dienstleistungen & Konsumgüter, beim Broker Kessler, sieht die digitale Transformation als eine Chance für das Unternehmen. Auch wenn neue Player die Branche aufmischen, bleiben Vertrauen und lokale Verankerungen wichtig für Unternehmenskunden.

ti&m: Die Kessler blickt auf mehr als 100 Jahre Firmengeschichte zurück. Wie wirkt sich die digitale Transformation auf Sie aus? 
Yves Krismer: Die Tätigkeit eines Brokers wandelt sich von einer transaktionsbestimmten zunehmend zu einer beratenden. In Kombination mit der digitalen Transformation müssen wir unsere Dienstleistung immer wieder hinterfragen. Eine zentrale Frage ist, wo liegt der Mehrwert für unsere Kunden? Die jüngsten Entwicklungen mit Covid-19 zeigen deutlich den Bedarf an professioneller Risikoberatung in einem stetig kom­plexer werdenden Umfeld.

Was sind für Sie die grössten Herausforderungen bei der Digitalisierung der Branche? 
Es gibt viele spannende Technologien, wie beispielsweise AI. Wir wollen jedoch nicht jeden Trend gleich mitmachen, sondern fokussiert bleiben. Unsere Kunden suchen speziell im stürmischen Umfeld eine verlässliche Partnerschaft. 

Welche Rolle sehen Sie für Broker in einer zunehmend digitalisierten und automatisierten Versicherungsbranche? 
Wir sehen diese Veränderung generell als Chance, die unterschiedlichen Prozesse zu optimieren. Hauptsächlich im Dialog mit den Versicherern besteht Nachholbedarf. Unser Geschäft basiert auf Vertrauen und daher wird der persönliche Kontakt zu unseren Kunden unverändert grosse Bedeutung haben. 

Welche Ziele wollen Sie langfristig mit Ihrer digitalen Transformation erreichen? 
Wir können uns vorstellen, dass die neuen IT-Möglichkeiten unsere Standardprozesse, z. B. die Abwicklung von Bagatellschäden, verein­fachen und wir dadurch effektiver einen Kundennutzen erbringen können. 

Wie nutzt Kessler die Möglichkeiten der digitalen Transformation für das Vorantreiben des eigenen Geschäfts? 
Wir haben unterschiedliche Projekte erfolgreich umgesetzt. Seit mehr als drei Jahren sind wir komplett papierlos unterwegs und setzen in der Kommunikation mit unseren Partnern die elektronische Unterschrift ein. Wir wollen nicht unsere etablierten Prozesse einfach digital machen, sondern Arbeitsschritte effizienter gestalten und einen zusätzlichen Kundennutzen generieren. 

Welche Rollen spielen für Sie Kooperationen mit Integrationsplattformen wie z. B. der «IGB2B for Insurers and Brokers» oder Sobrado? 
Beide Kooperationen sind für uns von grosser Wichtigkeit. Aus diesem Grund sind wir seit Jahren sehr aktiv und versuchen, unsere Erfahrung als führender Risiko-, Versicherungs- und Vorsorgeberater einzubringen. Diese Entwicklungen verhelfen der Schweizer Assekuranz und unserem Berufsstand zu mehr Effizienz in der Zusammenarbeit mit den Versicherern – sozusagen hinter den Kulissen. 

Welche Chancen bietet Ihnen die digitale Transformation auch durch die Einbindung in das globale Netzwerk von Marsh? 
Seit Jahren verfolgen wir gemeinsame Projekte mit unserem Netzwerkpartner Marsh. Viele Projekte, beispielsweise Zertifikate auf Blockchain-Basis sind vielversprechend und spannend. Wir können gegenseitig profitieren und lernen. 

Weniger komplexe Versicherungsprodukte können vermehrt auch direkt online abgeschlossen werden. Wie gross ist für Sie die Gefahr durch solche Angebote und wie reagieren Sie darauf? 
Viele Kunden wünschen eine ganzheitliche Beratung in Risiko- und Versicherungsfragen. Diese Dienstleistung verlangt umfassende Markt­­kenntnisse. Bei unseren Zielkunden, den mittleren und grösseren Geschäftskunden, sehen wir daher weniger Abschlusspotential über Onlineplattformen. Im Standardgeschäft, z. B. im Bereich Motorfahrzeug-Einzel (B2C), sind solche Abschlüsse durchaus einfacher, auch wenn die Abwicklung von komplexen Schadenfällen weiterhin Manpower benötigt. 

Wie stark ist der Digitalisierungsdruck in der Schweizer Versicherungsbranche Ihrer Einschätzung nach? 
Es stellt sich die Frage, in welchen Vergleich wir die Schweizer Versicherungsbranche stellen. Im Kontrast zu anderen Branchen, z. B. zur produzierenden Industrie oder aber auch im Vergleich zu anderen Ländern, besteht Nachholbedarf. Trotzdem zeigt sich in der Schweiz eine erfolgreiche Entwicklung. Alle namhaften Versicherungsgesellschaften und Broker sehen in der Digitalisierung eine Chance und leiten dafür
nötige Prozesse ein. 

Wie werden InsurTechs und FinTechs wie auch die grossen Datenfirmen wie Google, Amazon und Co. den Markt langfristig prägen? 
Dies ist eine Frage, welche wir uns immer wieder stellen, sind doch auch die Strategien der Firmen sehr unterschiedlich. Der Schweizer Markt ist in Bezug auf Big Data zu klein. Die «GAFAs» dieser Welt prägen den Markt, speziell im B2C-Bereich, bereits stark mit. Aber auch andere Grossfirmen wie beispielsweise Tesla versuchen in neue Marktsegmente vorzustossen. Es geht aber bei allen Firmen weniger schnell als erwartet und wohl auch als erhofft. Daher beobachten wir die Szene sehr genau. 

Wie müssen lokal verankerte Firmen auf diese neuen Herausforderungen reagieren? 
Wir sind lokal verankert, jedoch weltweit tätig. Im Dialog mit unserem Netzwerkpartner Marsh und der Dachorganisation MMC verfolgen wir die Trends sehr aufmerksam. Wir profitieren von erfolgreichen Projekten im Ausland und müssen international nicht selber eine Vorreiterrolle anstreben. 

Welches Mindset braucht es, um bei der
digitalen Transformation langfristig erfolgreich zu sein?

Es braucht die Bereitschaft zum lebenslangen Lernen und die Freude, sich auf Veränderungen einzustellen. Mit einer positiven Grundhaltung stellt die digitale Transformation eine Chance dar.


Yves Krismer

Seit mehr als 20 Jahren ist Yves Krismer bei Kessler tätig. Er ist Mitglied der Direktion und verantwortet im Führungs­­­aus­schuss des Unternehmens das Thema Digitalisierung.