10. August 2020

Wie SWISS das Papier aus dem Cockpit verbannte

SWISS

Innovation // In der Luftfahrt haben gedruckte Lehrmaterialien, Gebrauchsanweisungen und Checklisten lange eine zentrale Rolle gespielt. Mit der Digitalisierung verschwindet das Papier aus dem Cockpit. SWISS bringt mit einer neuen Informations-Applikation die Zukunft sogar in den gesamten Konzern.

In den Anfängen der Luftfahrt bestand die primäre Tätigkeit Der Flugzeugführer darin, das Flugzeug mit Bodensicht manuell und unter beträchtlichen körperlichen Strapazen zu steuern. Die Konsultation von Dokumenten während des Fluges war nur eingeschränkt möglich. Dokumente wurden vornehmlich bei der Flugvorbereitung benutzt. Während des Fluges musste die Checkliste für die Flugzeugbedienung und die geographische Navigationskarte genügen. Mit dem Aufkommen komplexerer Flugzeuge, technischen und operationellen Limitationen bis hin zu länderspezifischen sowie auch politisch begründeten Restriktionen wuchs auch der Umfang mitzuführender Dokumente. Navigationskarten, technische Handbücher und Betriebsvorschriften müssen heute jederzeit griffbereit sein. Pilotinnen und Piloten mussten daher stets schwere Koffer mit A5-Ringordnern mit sich führen. Hinzu kam ein immenser administrativer Aufwand, die Ordner regelmässig zu aktualisieren.      

Vom Ringordner zur Dokumentationsplattform  

Eine Erleichterung brachte bei SWISS die Einführung einer elektronischen Library in den 2000er Jahren. Die Piloten mussten nur noch PDF-Files aktualisieren. Dies löste einige Probleme. Jedoch entsprach die Lösung mit PDF nicht mehr dem heutigen Stand der Technik in Bezug auf UX, Didaktik und Handhabung. Heute muss eine Dokumentationsplattform mehrere zehntausend Seiten aufnehmen und anzeigen können. Sie muss als Nachschlagewerk dienen und eine effiziente Suche bieten. Nur so können die flugrelevanten Informationen in digitaler Form im Flugzeug sinnvoll eingesetzt werden.   

Benutzerfreundlicher und doch komplex  

Bei SWISS ist der Bereich «eKnowledge» das Zentrum des flugbetriebsrelevanten Wissens. Mit einer neuen Dokumentationsplattform wollte SWISS alle Informationen über einen einzigen Zugangspunkt online und offline zugänglich machen. Diese sogenannte «eKnowledge Dokumentationsplattform» muss somit eine benutzerfreundliche Umgebung bieten, welche die Anforderungen der Cockpit Crew Member und des Kabinenpersonals an Wissenstransfer, Wissensbewahrung, Nachschlagen von Informationen und Überarbeitung erfüllt.   Zudem soll die Plattform das Backoffice beim Publikationsprozess entlasten. Eine weitere Herausforderung ist die Vielfalt von Dokumenten, Lerninhalten, Tutorials, Guides, FAQs sowie weiteren zu unterstützenden Dokumententypen, welche alle in einer App dargestellt werden müssen. Zugrunde lag dabei ein in vier Schritte unterteilter Lernprozess:  

Lernen: Wissenstransfer 

Das gesamte Wissen muss für das Cockpit- und Kabinenpersonal aktualisiert verfügbar und jederzeit von überall her zugreifbar sein.  

Wiederholung: Wissensbewahrung 

Pilotinnen und Piloten müssen sehr viele Informationen auswendig wissen oder sehr schnell abrufen können. Hier soll spielerisches Training helfen, das Wissen zu erhalten und auszubauen.  

Suchen: Such- und Nachschlagekenntnisse 

Das Flugpersonal muss schnell und einfach gewünschte Inhalte finden, dies während des Flugbetriebs oder auch am Boden bei einer Weiterbildung.  

Überarbeitung: Aktualisierung des vorhandenen Wissens 

Einige Informationen von den Flugzeugherstellern sowie auch von SWISS ändern innert Monatsfrist. Der Benutzer muss immer die aktuellste Version zur operativen Nutzung haben. SWISS nahm sich zum Ziel, mit diesen vier Bereichen das Know-how des gesamten Cockpit- und Kabinenpersonals merklich zu steigern.  

Vier Gründe für den Erfolg 

Mit der neuen Dokumentationsplattform konnte SWISS Antworten auf die oben beschriebenen Herausforderungen finden und eine zeitgemässe «eKnowledge-Lösung» entwickeln. Vier Faktoren sind zentral für den Erfolg:  

1.) Plattformunabhängige App-Lösung 

SWISS liess eine plattformunabhängige App-Anwendung wie eine Browserversion entwickeln. Die Dokumentationsplattform kann damit innerhalb des Lufthansakonzerns auf unterschiedlicher Hardware und verschiedenen Betriebssystemen laufen. Alle Dokumente sind für den Benutzer entweder auf seinem Personal Device oder auch via Browser ersichtlich. Auch die persönlichen Favoriten oder eigene Notizen werden angezeigt. Damit sind alle relevanten Information immer und überall abrufbar.   

2.) Moderne & nutzerfreundliche Funktionalitäten 

Mit dem XML-Format anstelle von PDF wurde der Grundstein gelegt, um dem Benutzer folgenden Funktionalitäten anbieten zu können: MyBooks SWISS stellt tausende von Seiten in vorgegebener Struktur für das Cockpit- und Kabinenpersonal zur Verfügung. Hier den Überblick zu bewahren, ist nicht einfach. Benutzer können daher mittels «MyBook» ihre eigene Inhaltsstruktur aufbauen. Suchfunktionalität Die Suche ist ein zentraler Punkt. Auch offline während des Fluges müssen gesuchte Begriffe schnell und zuverlässig gefunden werden. SWISS arbeitet aktuell an einer verbesserten Suche. Diese wird über Funkionen wie Fuzzy, Synonym und Wildcard- Suche, aber auch über einen – sich selbst optimierenden – Such-Logarithmus verfügen. 3 

3.) Minimierung des Revisionsaufwandes: 

Die Anzahl an neuen oder geänderten Informationen für das Flug- und Kabinenpersonal ist immens. SWISS hat daher drei Dokumentationskategorien eingeführt. Must know: Muss gelesen und jederzeit anwendbar sein. Must read: Muss gelesen sein. Nice to know: Freiwillig. Mit PDF-Dokumenten wurden früher Informationen in unterschiedlichen Dokumenten mehrfach gepflegt. Dabei passierten vereinzelt Flüchtigkeitsfehler, wie etwa unterschiedliche Schreibweisen. Heute sind alle Informationen in XML-Format vorhanden. Das Back-Office pflegt die Änderungen nur noch in der Quelldokumentation ein. Alle verknüpften Dokumente werden automatisch aktualisiert. Damit konnten der administrative Aufwand und Fehlerquellen deutlich gesenkt werden. 4 

4.) Digitales Pilotentraining: 

Mittels einer neuen «eLearning-Plattform» innerhalb der elektronischen Dokumentationsplattform kann das Flugpersonal ihr Wissen anhand von Fragen und Antworten überprüfen und erweitern. Die Plattform dient auch zur Vorbereitung der vom  Bundesamt für Zivilluftfahrt vorgegebenen halbjährlichen Prüfungen. Durch diese E-Learning-Inhalte konnte das Selbststudium des Flugpersonals ausgebaut und ihr Präsenzunterricht reduziert werden. Die gesamte «eKnowledge Dokumentationsplattform» ist ein bedeutender Schritt in Richtung Digitalisierung des Wissens bei SWISS. Cockpit Crews und Flugbegleiter haben damit zeitgemässe Tools in der Hand, um sich in der steigenden Informationsflut zurechtzufinden, das Lernen zu erleichtern und Wissen gezielt zu vertiefen. 

Dokumentationsplattform für Lufthansa Group 

Aktuell sind in der Lufthansa Group verschiedene Wissensplattformen im Einsatz. Bei SWISS wurde mit der elektronischen Dokumentationsplattform eine plattformübergreifende Dokumentenlösung entwickelt, welche auf die gesamte Gruppe ausstrahlt. Bei der Lufthansa-Tochtergesellschaft Austrian ist seit 2019 auch dieselbe Dokumentationslösung im Einsatz. Weitere Konzernbereiche der Lufthansa Group planen auf 2021, die Plattform von SWISS in Betrieb zu nehmen. Die Vermittlung von Wissen wird gerade in der Luftfahrt immer wichtiger. Von einer einheitlichen Dokumentationsplattform profitieren alle Bereiche innerhalb des Konzerns. Bei SWISS wurde zusammen mit ti&m eine Lösung entwickelt, die für die Herausforderungen der Zukunft gewappnet ist. Damit können nicht nur die Sicherheit erhöht, sondern auch wirtschaftliche Potenziale genutzt werden.

 

ti&m special Jubiläum

Das ganze Heft hier downloaden. 

 


Lorenzo Bittmann
Lorenzo Bittmann

Lorenzo Bittmann arbeitet bei SWISS in der Abteilung eOperations, welche dem Flight Operations angegliedert ist. Er war davor in verschiedenen IT-Management-Positionen tätig, u. a. als IT-Manager bei DPD (Schweiz) AG. Herr Bittmann hat einen Bachelor von der Hochschule für Wirtschaft Zürich und einen Masterabschluss von der University of Sussex in Brighton, England.